Übersicht über die Straftheorien

Wer hierzulande eine Straftat begeht wird bestraft – doch warum überhaupt?

Solch scheinbar banale Fragen beschäftigen uns im Alltag nicht sehr oft, da die Antwort beinahe zu naheliegend erscheint um mit voller Ernsthaftigkeit darüber nachzudenken, doch womöglich ist sie gar nicht so naheliegend wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Über Sinn und Zweck von staatlicher Bestrafung haben sich viele (Rechts-)Philosophen ausgelassen, es ist eine langwierige Geschichte voller gegensätzlicher Meinungen, scharfer Kritik und der Lösung auf eine Frage, die kaum greifbar scheint: Wozu brauchen wir Strafen?

Ich lade Sie recht herzlich ein mir in die unendlichen Weiten der Rechtsphilosophie zu folgen auf der konsequenten Suche nach Sinn und Zweck staatlicher Bestrafung.
Zunächst ein paar einführende Worte: Die Straftheorien versuchen den Sinn von Strafen zu ermitteln und setzen sich kritisch mit der Frage auseinander, ob und inwiefern Strafen den der jeweiligen Theorie zugemessenen Zweck überhaupt gerecht werden. Hierbei unterscheidet die Rechtsphilosophie zwischen den absoluten und den relativen Strafrechtstheorien.

I] Die absoluten Straftheorien

Die absolute Strafrechtstheorie erfüllt alleinig den Zweck die Gerechtigkeit wiederherzustellen. Die Strafe ist demnach Selbstzweck und erfüllt keine präventiven Zwecke. Von denen ist sie losgelöst (= absolut) . Grundsätzlich geht die absolute Strafrechtstheorie davon aus, dass der Täter Schuld auf sich geladen hat, die Gerechtigkeit ins Wanken gekommen ist und nun wiederhergestellt werden muss. Die Wiederherstellung der Gerechtigkeit ergibt sich aus der staatlichen Sanktion – der Strafe.

Vergeltungstheorie
Durch die Bestrafung soll das begangene Unrecht seitens des Täters ausgeglichen / aufgewogen werden. Dabei hat sich das Strafmaß an der Schwere der Tat zu orientieren (Talionsprinzip; ‚ius talionis‘), getreu dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Kleinere Straftaten werden demgemäß milder bestraft als größere. Bedeutende Vertreter dieser Theorie sind unter anderem die deutschen Philosophen Immanuel Kant und Georg Wilhem Friedrich Hegel. Immanuel Kant äußerte sich in seinem 1797 erschienenen Werk „Metaphysik der Sitten“ wie folgt über Vergeltung:

„Selbst wenn sich die bürgerliche Gesellschaft mit allen Gliedern in Einstimmung auflöste […], müsste der letzte im Gefängnis befindliche Mörder vorher hingerichtet werden, damit Jedermann das widerfahre, was seine Taten wert sind, und die Blutschuld nicht auf dem Volke hafte, das auf die Bestrafung nicht gedrungen hat: weil es als Teilnehmer an dieser öffentlichen Verletzung der Gerechtigkeit betrachtet werden kann.“

– Immanuel Kant, „Metaphysik der Sitten“, 1797

Kants Forderungen zeigen sich deutlich. Strafe erfüllt seiner Ansicht nach keine soziale Funktion, es soll keine Abkehr von künftigen Straftaten im Täter bewirkt werden, sondern Strafe diene zunächst ausschließlich zur Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Wobei selbstverständlich die Straftat das Strafmaß vorgibt, oder wie Kant es in seinen Worten formulierte: „Hat er aber gemordet, so muß er sterben“. Interessant ist welche Rolle Kant der Gesellschaft zuweist. Sie habe den Täter zu bestrafen, selbst dann wenn sich die Gesellschaft auflöst und eine Bestrafung rein objektiv gar nicht mehr erforderlich wäre, ansonsten würde sie selbst zu Teilnehmern der Verletzung der Gerechtigkeit werden. Hegel äußerte sich dahingehend gemäßigter, vertritt aber einen zumindest vergleichbaren Ansatz. Zunächst widerspricht er aber Kant, er sieht das Talionsprinzip nicht als übergeordneten Maßstab der Vergeltung.

„ Aber die Wiedervergeltung soll nicht Talion sein; sondern hier in der Wirklichkeit kommen viele qualitative und quantitative Bestimmungen miteinander in Vergleichung. Sie sind nur im allgemeinen einander gleich nach ihrem abstrakten, allgemeinen Sein, worin sie gleich sind, – nach dem Wert“ – G.W.F. Hegel, „Die Philosophie des Rechts“; 1817 – 1819

Entgegen Kants „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ verlangt Hegel lediglich eine Wertgleichheit von Straftat und Strafe durch „Negation der Negation“. Dies sei im Folgenden näher erläutert. Hegel sieht in einem Verbrechen die Verletzung von Rechten , soweit ist es noch nachvollziehbar. In der am Täter verhängten Strafe sieht er wiederum eine „Verletzung“ an den Rechten des Täters – im Falle der Freiheitsstrafe beispielsweise der Entzug der Freiheit – die beiden Verletzungen heben sich seiner Meinung nach miteinander auf. Es handelt sich demnach um ein „Verletzung der Verletzung“, oder eben „Negation der Negation“.

An der Vergeltungstheorie gab es viel Kritik. Unter anderem wurde kritisiert, dass als Bestrafungsgrund die metaphysische Auffassung „absoluter Gerechtigkeit“ diente, wobei ein weltliches Gericht kaum in der Lage sein würde dies zu erfassen, beziehungsweise schlichtweg nicht dazu berufen wäre. Fraglich ist also ob die Vorstellung absoluter Gerechtigkeit einen Grundrechtseingriff, den eine Strafe nun mal mit sich führt, rechtfertigt.

Sühnetheorie
Die Sühnetheorie ist ebenfalls der absoluten Strafrechtstheorien zuzuordnen. Sie besagt, dass der Täter sich durch die Strafe wieder mit der bestehenden Rechtsordnung versöhnt. Die Sühnetheorie ist vielfach umstritten, da „Sühne“ und Versöhnung in aller Regel einen freiwilligen (Versöhnungs-)Akt erfordern, Strafe jedoch eine zwanghaft auferlegte Sanktion darstellt.

II] Die relativen Strafrechtstheorien

Die relativen Strafrechtstheorien folgen einem gänzlich anderen Ansatz. Sie weisen der Strafe eine vorbeugende, „präventive“ Wirkung zu. Strafe in diesem Sinne dient daher der Vereitelung zukünftiger Straftaten, währenddessen die absolute Strafrechtstheorie rückwirkend wirkt. Es findet eine Einteilung in General- und Spezialprävention statt, wobei beide Unterteilungen nebeneinander ihre Wirkung entfalten, also unabhängig von der jeweils anderen in Kraft treten.

Die Generalprävention
Diese Theorie nimmt vor allem den gesamtgesellschaftlichen Schutz in den Fokus und möchte verhindern, dass Teile der Gesellschaft künftig Straftaten begehen. Diese Theorie lässt sich wiederum eingrenzen in die positive und negative Generalprävention.

Positive Generalprävention: Durch die Verhängung von Straftaten wird deutlich gemacht, dass strafbare Handlungen innerhalb der Rechtsordnung nicht toleriert, stattdessen konsequent verfolgt und bestraft werden. Es wird also deutlich gemacht, dass Rechtsverstöße klare Konsequenzen mit sich bringen, die der Täter zu tragen hat. Auf diese Weise sollen Menschen ein Vertrauen in das Rechtssystem entwickeln, denn sie sehen, dass seine, beziehungsweise die allgemein geltenden Rechte eingehalten werden. Er kann also auf die Einhaltung seiner Rechte vertrauen. Im selben Zuge wird er zur Einhaltung des Rechtes hin zur Rechtstreue „erzogen“ – denn ihm wird bewusst, dass das geltende Recht klare Grenzen aufstellt und die richtigen Norm- und Wertevorstellungen belohnt, beziehungsweise die falschen Norm- und Wertevorstellungen bestraft. Zu guter Letzt soll es die Menschen auch auf eine Weise befriedigen, denn mit Vollhängung der Strafe kann ein Konflikt als beendet betrachtet werden. Insgesamt wird also versucht, positiv auf die Gesellschaft als Ganzes einzuwirken, um sie von der Begehung möglicher Straftaten abzuhalten. Im Kritik steht diese Theorie in Verbindung mit der Menschenwürde. Es wird behauptet, der Mensch werde verfassungswidrig zum Objekt staatlichen Handelns degradiert – wird also nichts weiter als vom Staat selbst instrumentalisiert. Dies sei mit der Menschenwürde unvereinbar.

Negative Generalprävention: Die negative Generalprävention soll nicht aufzeigen, dass es sich lohnt keine Straftaten zu begehen, sondern auf der anderen Seite viel mehr zeigen, dass es sich nicht lohnt und als höchst nachteilig erweist Straftaten zu begehen. Hier steht direkte Abschreckung im Vordergrund. Es wird bewusst ins Bewusstsein gerufen, dass spezifische Strafen erfolgen, sobald eine strafbare Handlung erfolgt ist. Gemäß dem Motto: „Dann weißt du ja was dir blüht!“. Auf diese Weise wird versucht mittels der Angst vor den Konsequenzen die Gesellschaft von möglichen (künftigen) Straftaten abzuhalten. Die empirische Forschung zeigt jedoch, dass Abschreckung kaum einen Einfluss auf künftige Täter hat. So hat man beispielsweise empirisch untersucht, ob die Mordrate in den USA nach Wiedereinführung der Todesstrafe sinkt. Sie tat es nicht. Ähnliche Studien reichen bis ins Mittelalter zurück. Täter die damals die Todesstrafe bekamen haben zuvor regelmäßig Hinrichtungen beigewohnt. Das liegt insbesondere daran, dass Täter in aller Regel davon ausgehen nicht erwischt zu werden. Dementsprechend malen sie sich zunächst keine Konsequenzen aus.

Die Spezialprävention
Die Spezialprävention wirkt nicht auf die gesamte Gesellschaft ein, sondern viel mehr „speziell“ auf den Täter selbst. Sie setzt sich zum Ziel präventiv hinsichtlich der Begehung weiterer Straftaten zu wirken. Hier erfolgt ebenfalls eine Unterteilung in positive und negative Spezialprävention.

Positive Spezialprävention: Hier wird der Ansatz der Resozialisierung bezweckt. Der Täter soll durch die Strafe geläutert werden und anschließend wieder im vollen Umfang am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Durch eine Freiheitsstrafe etwa soll der Täter durch Entziehung seiner Freiheit erzogen werden, in der Hoffnung, dass er bei seiner Freilassung von seiner kriminellen Vergangenheit abkehrt und zukünftig ein gesittetes Leben in Einklang mit der Rechtsordnung führt. Doch was wenn der Täter bereits bei Haftantritt seine Taten bedauert und eine Resozialisierung überflüssig wird? Wie soll hiermit verfahren werden? Dies ist ein zentraler Kritikpunkt an der positiven Spezialprävention. Nichtsdestotrotz ist der Resozialisierungsprozess ein zentraler Bestandteil unseres Rechtsstaates.

Negative Spezialprävention: Dem Täter wird durch die Strafe ein Übel zugefügt, dieses ihm zugefügte Übel soll weitere Straftaten unterbinden. Der Straftäter erlebt die Strafe am eigenen Leibe und soll dadurch abgeschreckt werden. Hier ist das Motto: „Ich will nicht wieder in den Knast, ich weiß wie es da ist!“. Gleichzeitig wird durch Wegsperrung des Straftäters die Gesellschaft vor weiteren Straftaten des Täters beschützt, denn ein Mörder der im Gefängnis sitzt kann kein Unheil mehr anrichten.

Die Vereinigungstheorie
Jede der oben genannten Theorien für sich alleine ist ungeeignet Strafe zu rechtfertigen (siehe jeweilige Kritikpunkte), deshalb nimmt die herrschende Meinung unter Berücksichtigung der Arbeit des Bundesverfassungsgerichtes einen Kombinationsansatz an, der die oben aufgeführten Theorien in sich vereinigt. Dabei ist die Gewichtung der einzelnen Theorien jedoch ungleichmäßig verteilt, oder anders gesagt, nicht jede Theorie hat dabei dieselbe Gewichtung. Das Bundesverfassungsgericht äußerte sich im Jahre 1977 unter anderem wie folgt zu der Vereinigungstheorie: „Schuldausgleich, Prävention, Resozialisierung des Täters, Sühne und Vergeltung für begangenes Unrecht werden als Aspekte einer angemessenen Strafsanktion bezeichnet.“ Doch auch diese Theorie kommt nicht ohne Kritik aus. Fraglich ist nämlich, wie der Kombinationsansatz Strafe rechtfertigen soll, wenn keines der in ihm vereinigten Theorien Strafe rechtfertigen kann. Die Idee die dahinter steckt ist folgende: Wenn keine Theorie Strafe rechtfertigen kann, so tut es die Gesamtheit aller Theorien in wechselseitiger Vereinigung ebenfalls nicht.

image_pdfimage_print

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *