Das Jurastudium – ein Interview

Die Wahl des „richtigen“ Studienganges kann eine ganz schön knifflige Angelegenheit sein, insbesondere dann, wenn man noch nicht allzu viel Kontakt mit der Materie hatte. Gerade das Jurastudium ruft aufgrund seiner abstrakten Inhalte eine Vielzahl an verschiedenen Assoziationen hervor, das verstärkt nur die ohnehin oft vorherrschende Ungewissheit. Wie das Studium der Rechtswissenschaften wirklich empfunden wird und was die zentralen Tätigkeiten eines Jurastudenten sind, soll im folgenden Interview kompakt erklärt werden.

Die besten Einblicke in das Jurastudium kann natürlich nur  jemand geben, der momentan selbst Jura studiert. Frau Jessica Große-Wortmann (32) hat sich freundlicherweise dazu bereit erklärt, ein paar Fragen bezüglich des Jurastudiums zu beantworten. Sie selbst ist Jurastudentin und betreibt den gut besuchten „Blawg“ ‚Juristischer Gedankensalat‘ (www.juristischer-gedankensalat.de). Themenschwerpunkt des Blogs ist, drei mal dürfen Sie raten, das Jurastudium! Frau Große-Wortmann hat zudem an einigen Jura- Lernapps maßgeblich mitgewirkt.  Sie erhalten hier Erfahrungen „aus erster Hand“, womöglich hilft es etwas die Unsicherheit zu nehmen und den einen oder anderen in seiner Studienwahl zu bestärken.


1) Sie haben sich also für das Studium der Rechtswissenschaften entschieden. Was hat Sie dazu bewegt ausgerechnet Jura zu studieren? Wie einfach / schwer ist Ihnen diese Entscheidung gefallen?

Die Entscheidung war recht einfach. Ich habe zwischen BWL und Jura geschwankt. Aus meinem Familien- und Freundeskreis kam die Empfehlung Jura zu studieren weil „es zu mir passt“. Darauf aufbauend habe ich viel im Internet recherchiert und schlussendlich die Entscheidung gegen BWL gefällt.

2) Gerade „frischgebackene“ Abiturienten haben oft keine oder eine doch recht eingeschränkte Vorstellung davon, was für Aufgaben und Tätigkeiten sie im Jurastudium erwarten. Stellen Sie uns bitte in aller Kürze die wesentlichsten Tätigkeiten eines Jurastudenten vor.

Lernen, verstehen, anwenden. Jura ist vielmehr als „nur“ Gesetze notieren. Es ist vielmehr die Anforderung an den Studierenden die Gesetze und ihren Sinn zu verstehen. Der allgemeine Jurastudent liest viel, daher sollte eine Abneigung gegenüber Büchern nicht vorhanden sein. Lesen allein hilft allerdings nicht weiter, das Wissen muss auch anwendbar sein. Grob ausgedrückt besteht das Studium darin die Rechtswissenschaft auf Sachverhalte des Lebens anzuwenden.

3) Was für Fähigkeiten sollte ein zukünftiger Jurastudent bereits von vornherein mitbringen und ist es effektiv sich bereits im Vorfeld an die erste Fachliteratur zu wagen, oder ist dies gar kontraproduktiv?

Es kann nicht schaden zumindest ein Buch zur Einführung bereits vor Studienbeginn zu lesen. Abraten möchte ich ausdrücklich davor, bereits vor Studienbeginn Lehrbücher oder Skripte zu wälzen. Analytisches Denken und die Fähigkeit komplexe Sachverhalte zu erfassen sollten mitgebracht werden. Das Handwerkszeug wird an der Universität gelehrt. Eine Portion Neugier und die Geduld Problemlösungen zu suchen sind ebenfalls ratsam.

4) Wenn der Begriff „Jurastudent“ fällt, denken viele an in sich gekehrte „Paragraphenreiter“ mit geschwollener Sprache und an Anzugträger die ohne ihre dicken Bücher nicht das Haus verlassen. Gerade in diesem Bereich gibt es viele Vorurteile. Wie würden Sie den typischen Jurastudenten be- und umschreiben?

Es gibt die Stereotypen – keine Frage. Ich kann aber für mich sagen: Ich habe Jurastudenten aller Art kennengelernt. Vom Punker über den Sohn aus reichem Hause bis hin zur kreativen Studentin. In sich gekehrt sind die wenigsten, die meisten sind tatsächlich offene Menschen, einige mit einem Hang zur Selbstdarstellung. Andere sind eher dezent aber dann auf den Punkt. Mit fast allen kann man aber durchaus Pferde stehlen :)

5) Wie ist das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Jurastudenten?

Aus meiner Sicht hält sich die Verteilung die Waage. Männliche Jurastudenten sind meist im Wirtschaftsrecht unterwegs, Studentinnen eher im Familienrecht. In meinem ersten Semester sagte ein Professor „Die Universität ist ein riesiger Heiratsmarkt“ – da ist auch etwas dran. In meinem Semester sind einige Beziehungen entstanden, auch längerfristige.

6) Ein weiterer vielfach kritisierter Punkt ist die Zeitgestaltung. Das Jurastudium ist dafür bekannt sehr zeitaufwändig zu sein, nicht nur während der eigentlichen Studienzeit, sondern auch in den Semesterferien, in denen Hausarbeiten und Praktika zu erledigen sind. Wie schätzen Sie den Zeitaufwand ein, haben Sie ausreichend Freizeit?

Freizeit muss man sich nehmen. Der Zeitaufwand ist hoch, keine Frage. Aber ohne Freizeit nützt auch der beste Lernplan nichts. Wichtig ist die Balance zwischen Lernen und Entspannen. Viele setzen sich unter Druck und überfordern sich zwangsläufig. Das ist destruktiv.

7)  Bei der folgenden Aussage handelt es sich um ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe:

„Es ist mit der Jurisprudenz wie mit dem Bier; das erste Mal schaudert man, doch hat man’s einmal getrunken, kann man’s nicht mehr lassen.“

Wird das Studium mit der Zeit tatsächlich einfacher? Ist das Jurastudium also eine reine Gewöhnungssache und kann es gar süchtig machen?

Goethe hatte Recht! Gewöhnungssache ist es sicherlich nicht. Aber umso weiter das Studium voranschreitet, umso mehr man merkt wie gut es einem liegt, umso eher wird es als positiv empfunden. Spannend wird es erst, wenn man bemerkt wie sehr Jura eigentlich im Alltag vorkommt. Nachrichtensendungen mutieren dann zu Repetitorien und Krimis werden schonmal kritischer betrachtet.

8) Sie selbst beschäftigen sich auch außerhalb des Studiums in hohem Maße mit juristischen Themen. So betreiben Sie Ihren eigenen „Blawg“ (www.juristischer-gedankensalat.de) und haben an einer Jura-Lernapp maßgeblich mitgewirkt. Zweifellos besitzen Sie daher ein großes Interesse an den juristischen Inhalten. Wie stark gewichten Sie das Interesse an den Inhalten? Sollte man ohne ein höheres Interesse an der Thematik auf diesen Studiengang verzichten?

Ohne intensives Interesse ist es nur ein „Abarbeiten“. Das wird der Rechtswissenschaft nicht gerecht. Ich habe im Studium festgestellt, dass es wichtig ist den eigenen Lerntyp zu kennen. Stures Auswendiglernen führt nicht zum Verständnis. Daher habe ich den Weg gewählt Formen der Erfassung des Stoffes zu suchen, die gleichzeitig auch „Spaß“ machen. An den Universitäten wird der Student nach der Vorlesung häufig allein gelassen, hinsichtlich der verschiedenen Lerntypen und der Arten des Lernens geht häufig vorhandenes Potential in der Masse unter. Ich habe angefangen zu bloggen um den Stoff den ich lernen musste auch zu behalten – durch Aufarbeitung und Feedback von Lesern. Die App ist ein weiterer Schritt in Richtung „Anders Lernen – aber effektiv“.

9) Angenommen Sie müssten sich erneut für oder gegen das Jurastudium entscheiden. Würden Sie sich noch einmal dafür entscheiden?

Ja. Ich würde lediglich das Lernen als solches anders angehen. Insgesamt war es die richtige Entscheidung. Wobei ich vom Zweiten Bildungsweg komme und selbst unter diesem Aspekt noch sagen kann: Ja, ich würde es nochmal tun :)
 
10) Möchten Sie den Jurastudenten von morgen noch etwas ausrichten: Tipps, Tricks, Anregungen?

Beschäftigt euch mit eurem Lerntyp – das ist die Basis für ein erfolgreiches Studium! Und habt keine Angst davor, auch mal von der herrschenden Meinung abzuweichen. Jura kann schön sein, wenn man sich damit angefreundet hat.


Ich bedanke mich noch einmal recht herzlich bei Jessica Große-Wortmann für das  Interview.

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