Interview zum Richterberuf

Was macht eigentlich einen guten Richter aus? Welche Vor- und Nachteile, Chancen und Tücken, Ängste und Hoffnungen bringt das Richteramt mit sich? Gibt es bestimmte Charaktereigenschaften die einen Richter besonders qualifizieren? Diesen und weiteren Fragen stellt sich Detlef Burhoff in diesem Interview zum Berufsbild des Richters. Herr Burhoff ist Richter am Oberlandesgericht Hamm gewesen, hat sich als Autor von juristischer Fachliteratur einen Namen gemacht und betreibt seine eigene gut besuchte Internetpräsenz, auf welcher er regelmäßig über straf-, owi- und gebührenrechtliche Themen berichtet. Dieses Interview soll einen kleinen und ersten Einblick darin geben, was ein Richter tut und mit welchen alltäglichen Problemen und Hindernissen er sich konfrontiert sieht. Zu den genauen Tätigkeiten eines Richters, den Berufsaussichten samt den aktuellen Zahlen, Daten und Fakten, sowie den genauen Weg bis zum Richter, wird es in absehbarer Zeit einen eigenständigen Artikel geben.


1) Sie waren als Richter unter anderem am Oberlandesgericht Hamm tätig. Wie ist es dazu gekommen? War der Richterberuf schon immer ihr Berufswunsch?

Ja, ich wollte an sich von Anfang an Richter werden. Ich war nach dem 2. Staatsexamen dann zwar zunächst ein Jahr Rechtsanwalt, habe dann aber in den Richterberuf gewechselt, weil der meinen Vorstellungen und Neigungen mehr entsprach.

2) Stellen Sie uns bitte die Haupttätigkeiten eines Richters vor. Viele mögen nur die Sitzungen im Sinne haben, wie sie regelmäßig im Fernsehen auftauchen. Neben diesen, das sollte keinesfalls unterschätzt werden, gibt es viel an Aktenbearbeitung, nicht wahr?

Ja, neben der Tätigkeit in der eigentlichen Sitzungen/Hauptverhandlung muss diese vor- und auch nachbereitet werden. Der dafür entstehende Zeitaufwand ist manchmal größer und es dauert länger als die Sitzung selbst dann dauert.

3) Richter sind unparteiisch, das ist ein wichtiger Grundsatz. Ein Richter agiert stets unvoreingenommen und vorurteilsfrei, er wägt sachlich ab und kommt zu einer möglichst objektiven Entscheidung. Nichtsdestotrotz besteht immer ein gewisser (subjektiver) Ermessensspielraum aus dem ein Richter schöpfen kann und muss. Wie schwer ist es tatsächlich die richterliche Neutralität zu wahren? Haben Sie jemals eine Entscheidung bereut?

Manchmal ist es nicht einfach „neutral“ – was immer man darunter verstehen will, zu sein. Aber auch das kann man lernen und dann (nur) unter berücksichtigen der Gesetzeslage und/oder der dazu vorliegenden Rechtsprechung entscheiden. „Bereut“ i.e.S. habe ich – so weit ich mich erinnern kann – eine Entscheidung nie. Allerdings wohl schon mal später gedacht – auf einem noch besseren Wissenstand – das hättest du vielleicht anders entscheiden können.

4) Als Richter in Strafsachen wird man regelmäßig mit menschlichen Abgründen und nahezu unvorstellbaren Gräueltaten konfrontiert. Was andere nur aus fiktiven Filmen und „entschärften“ Medien kennen, erleben Richter „hautnah“ und in bedrohlich anmutender Nähe. Wie haben Sie die Konfrontation mit Straftätern empfunden? Denken Sie, dass man als Richter ein „hartes Fell“ besitzen sollte? Nimmt man auch was mit nach Hause?

Nein, ein „hartes Fell“ ist sicherlich nicht die richtige Ausstattung für einen Richter, der natürlich auch von den Fällen das ein oder andere „mit nach Hause nimmt“. Am Anfang der Richtertätigkeit mehr , im Laufe der Zeit dann weniger. Man lernt dann damit umzugehen. Man darf aber nie übersehen und aus dem Auge verlieren, dass es bei der richterlichen Tätigkeit – gerade in Strafsachen – immer um Menschen und deren Schicksale geht, und zwar nicht nur beim Opfer, sondern auch und gerade beim Täter. Auch dem muss man – bei aller vielleicht vorliegender Gräuel – gerecht werden.

5) Was für (Schlüssel)-Qualifikationen sollte ein Richter mitbringen? Sind bestimmte Charakter- und Wesenseigenschaften von besonderem Vorteil / Nachteil?

M.E. muss ein Richter gut mit Menschen umgehen können, gut zuhören können und vor allem bereit sein, Entscheidungen zu treffen. Gerade das letzte scheint mir wichtig. Denn eine immer wieder hinaus geschobene Entscheidung belastete die jeweilige Partei möglicherweise mehr als eine falsche.

6) Beziehen Sie bitte Stellung zu dem folgenden Zitat; „Es ist besser, daß ein Richter zum Mitgefühl neigt, als zur Strenge“

– Miguel de Cervantes-Saavedra (1547 – 1616)

Wie immer in der Juristerei: Es kommt darauf an.  Nur „Mitgefühl“ und/oder „Strenge“ sind m.E. verfehlt. Es gibt Verfahren, da erreicht man mit „Mitgefühl“ mehr als mit „Strenge“ oder umgekehrt.

7) Viele Jurastudenten haben das finale Ziel nach ihrer juristischen Ausbildung das Richteramt zu bekleiden, die wenigsten schaffen es jedoch ihr Ziel in die Tat umzusetzen. Wie schätzen Sie eine solche Zielsetzung ein? Ist es realistisch sich solche Ziele zu setzen, oder ist es gar illusionistisch?

Ich denke, dass es keine Illusion ist und auch nicht unrealistisch, letztlich aber eine Frage ist, die – wohl noch immer – vom Examensergebnis abhängt. Klingt jetzt blöd: Wenn man schön fleißig ist und gute Examensergebnisse erzielt, dann wird man auch den Richterberuf ergreifen können.

8) Für welche Sorte Mensch eignet sich der Richterberuf am besten? Karrierejuristen, Familienmenschen, Freizeitliebhaber? Wo sind die fundamentalen Vorteile zu den anderen juristischen Tätigkeiten (Anwalt, Staatsanwalt …).

Ich glaube, man wird denjenigen, der Richter werden will, kaum in die Schubladen „Karrierejuristen, Familienmenschen, Freizeitliebhaber“ einordnen können/dürfen. es ist z.B. ein falsches Bild, dass man sich vom Richter macht, wenn man ihn bzw. den Richter als „Freizeitliebhaber“ einstuft. Denn viele der Tätigkeiten, die er leistet, nimmt man in der Öffentlichkeit gar nicht. So viel Freizeit ist dann da nicht mehr. Vielleicht ist der Mensch, der Richter werden will, am besten so beschrieben: Ein Mensch, der gern mit anderen Menschen umgeht, und gern entscheidet und gestaltet. Das tut der Rechtsanwalt zwar auch, der trägt aber als Selbständiger ein größeres wirtschaftliches Risiko.

9) Die ersten und eindringlichsten Assoziationen mit dem Richteramt sind durchweg positiv. Wer Richter ist, besitzt ein gewisses gesellschaftliches Ansehen, wird nicht gerade schlecht entlohnt und hat eine „sinnvolle“ Tätigkeit. Ausschließlich positiv ist nichts im Leben. Wo liegen die nicht ganz so offensichtlichen Schattenseiten der Richtertätigkeit?

Spontan fallen mir da so ganze viele nicht ein. Vielleicht der Umstand, dass ich als Richter in einem Kollegium eben nie „allein“ entscheidet, mit der Folge, dass ich ggf. auch mal Entscheidungen mittragen muss, von denen ich inhaltlich nicht so überzeugt bin. Und über die Frage der „Entlohnung“ kann man sicherlich auch diskutieren. Zumindest in den Eingangsstufen ist das so doll ja nun auch nicht (mehr).

10) Wenn Sie noch einmal vor der Berufswahl stehen würden, würden Sie sich wieder für den Beruf Richter entscheiden?

Ja.


Ich bedanke mich recht herzlich bei Detlef Burhoff für das Interview!

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